Dänische Inselträume

Im leicht verregneten und windigen Sommer 2017 hatten wir, zwei Vereinskameraden des HDK-Kiel, beide schon jenseits der 50, uns etwa zwei Wochen Zeit genommen, um in Seekajaks die dänischen Inseln Lolland, Falster und Mön zu umrunden. Da zumindest an einigen Tagen entlang offener Meeresküsten auch mit achterlichen Winden auf langen Streckenabschnitten zu rechnen war, wurde Großzehe* mit einem Pacific-Segel ausgerüstet, während Alberta* ja schon länger mit einem Segel ausgestattet ist (*zu Booten und Ausrüstung siehe Anhang). Hier folgen die Eindrücke unserer Fahrt:

Bei grauem Juli-Sommerregen erreichen wir über die Vogelfluglinie Rödby auf Lolland, das vielen nur als platte und langweilige Durchfahrtsinsel bekannt ist: Felder und wenige Wälder säumen die Autobahn in Richtung Kopenhagen, und nur an den Rastplätzen wird Halt gemacht. Wir biegen ab in Richtung Nysted an der Südostecke von Lolland und erreichen diese verschlafene Kleinstadt mit altmodischen Häuschen an gepflasterten Straßen. Das Ziegelrot der nass tropfenden Dächer, weiße Fensterrahmen und bunte Sommerblumen im üppigen Grün bilden eine idyllische Farbkomposition. Am Hafen finden wir einen Rasenparkplatz zwischen Hecken und eine Tischlerin aus der Bootswerft bestätigt uns, dass die Fahrzeuge hier auch zwei Wochen lang stehen bleiben dürfen. Inzwischen hört der Regen auf und so beladen wir die Boote mit wasserdichten Beuteln, Proviant, Zelten, Schlafsäcken, Bootswagen und lassen sie über eine verschlickte Rampe zu Wasser; sie liegen tief und schwer. Da wenig Betrieb im Hafen ist, haben wir Ruhe bei den Vorbereitungen der Abfahrt. An der Bucht des Hafens, die sich nach Süden öffnet, steht steuerbords im Schilf eine etwa 5 m große Holzbake in dreieckiger Pyramidenform aus grau verwittertem Holz, dahinter liegen landseitig ein Park und ein Schloss (ehemaliges Oldtimermuseum), aber am Horizont sieht man die sich drehenden Flügel der Windräder, die 10 km südlich auf der Sandbank Rödsand stehen. Die große Anlage umfasst 162 Windräder, deren fast 70 m hohe Türme auch von Fehmarn aus gut sichtbar sind. Sie wurde von 2003 bis 2010 in Betrieb genommen und jedes Windrad liefert bis zu 2,3 Megawatt, wie eine schon leicht renovierungsbedürftige Ausstellung im Hafen von Nysted zeigt, die auch über Vogelzug, Seehunde und Kegelrobben auf Rödsand informiert. Wir verlassen den Hafen von Nysted zu den Tönen einer Blaskapelle, die Gäste eines Traditionsschiffes grüßt: ein gutes Zeichen. Einsam wird es, als wir mit Kurs Südwest auf die aus unserer Perspektive wahrhaft riesigen Windräder zusteuern, hinter denen sich graue Wolken türmen. Dann erwischt uns eine heftige Regenbö, im Nu ist die Sicht völlig weg und wir steuern im prasselnden Schauer nach Kompass auf ein paar schützende Inselchen zu, die wir aber nicht erreichen. Nachdem es wieder klar ist, ändern wir unseren Kurs zur abgelegenen Spitze der Nehrung von Rödsand, umrunden deren Haken und machen kurz Pause zwischen Tang und Dünensand, um dann westwärts der Küste zu folgen. Am verlassenen Leuchtturm begleitet und beäugt uns eine Weile ein neugieriger Seehund. Weiter geht es in nordwestlicher Richtung entlang einsamer Strände, bis wir abends auf einem Deich östlich von Rödbyhavn zu unserer ersten Nacht dieser Tour die Zelte aufschlagen – abgesehen von dem Reichtum an Mücken ist es ein guter Platz.

Am nächsten Morgen, am zweiten Tag, breitet sich die See still und sonnenbeschienen vor uns aus. Dieser ungeschützte Küstenabschnitt von Lolland könnte bei Südwestwind für Seekajaks sehr ungemütlich sein. Wir haben Glück und erreichen bald Rödbyhavn, wo im kurzen Takt die Fähren der Vogelfluglinie ein- und auslaufen – also schnell die Hafeneinfahrt zwischen den mächtigen Molenköpfen queren. Wir landen am dahinter liegenden Strand kurz an und schauen uns auch den älteren beschaulichen Hafen von Rödbyhavn mit Kuttern und einem Segelschiff an. Weiter geht es bei glatter See und schwüler Luft entlang der Küste. Keine guten Bedingungen für Alberta, die zwar etwas Wind und auch Wellen mag, sich aber bei Flaute nur langsam paddeln lässt. Der Blick zum Land zeigt Gewitterwolken und einmal eine Windhose, die wie ein dunkler Schnorchel aus den Wolken hängt – wenn uns die hoffentlich nicht erwischt! Wir haben Glück, denn es bleibt ruhig. Pfahlreihen ehemaliger Stellnetze ziehen sich vom Strand bis weit in die Ostsee, und noch weiter draußen treibt etwas silbrig-schwarzes auf dem Spiegel der See, das sich als niedergegangener Gasluftballon einer Hochzeit entpuppt. Außerdem fischen wir eine Flaschenpost von Ferienkindern heraus: was alles im Meer treibt! Der Hafen von Kramnitse, den wir mittags anlaufen, ist durch eine gekrümmte Mole geschützt, auf der einige Angler reglos sitzen. Hier stehen noch Holzgerüste und eine halb abgebaute Wasserrutsche eines vergangenen Sommerfestes mit einem Floß (gut zum Anlegen), goldene Stanniolstreifen liegen auf dem Rasen. Fischer entladen Ausrüstung, ein Boot wird gereinigt: ein verschlafener Piratenhafen, in dem wir Wassersack und -flaschen auffüllen. Dann paddeln wir Stunde um Stunde weiter und erreichen am frühen Abend Ydö, von wo aus sich die fast 10 km lange Landzunge Albuen, Ellbogen, nach Nordwesten erstreckt; das westliche Ende von Lolland. Wir folgen dieser Halbinsel und schleppen dann die Boote über die schmale Nehrung ins Söndernor, eine geschützte Bucht. Als wir müde die Landungsbrücke des Naturhafens Albuen erreichen, wird es schon dunkel. Ein paar Häuser und Schuppen und zwei Handkarren stehen dort, aber niemand ist zu sehen, kein Licht, so dass wir die Ausrüstung mit Handwagen zu einer kleinen Zeltwiese mit Feuerstelle schleppen. An der Landungsstelle taucht eine dunkle Gestalt  auf, aber es ist kein erboster Hafenmeister, sondern ein freundlicher Segler aus Wedel, der in der Bucht mit seinem 50 Jahre alten Boot geankert hat.

Am Morgen des dritten Tages heult der Wind, Regen prasselt nieder. An Weiterfahrt ist gar nicht zu denken, wenn man die Schaumkronen auf der bewegten grauen Ostsee sieht. Wir bleiben in den Zelten und versuchen trocken zu bleiben. Geschützt im Wald am Leuchtturm zieht Großzehes Besatzung ein Tarp auf, unter dem man hocken, Kaffee kochen und lesen kann (wissenschaftliche Artikel !). Das Leuchtturmhaus ist erhalten, verschlossen und unbewohnt, aber willkommen und trocken ist das Plumpsklo nebenan. Mittags legt ein kleines Postboot mit einer um so größeren dänischen Flagge an der Brücke an, das eine Gruppe Ausflügler in Regenzeug und Gummistiefeln entlässt. Sie gehen an den Zelten vorbei durch das Wäldchen zum Leuchtturm, verlassen die Landzunge aber nach etwa zwei Stunden wieder. Es regnet und weht weiter, doch wir finden einen nicht verschlossenen und trockenen Raum mit einem traumhaften Ausblick auf den großen Belt. Es handelt sich um einen ehemaligen Küstenwachtturm mit Tisch und Bänken und einem sehr starken und schweren Fernglas auf einem Stativ, das fast einer Lafette gleicht. Von hier aus wurde von einer Besatzung im Schichtbetrieb der gesamte Schiffsverkehr im Store Belt (gegenüber liegt Langeland) überwacht und in Büchern dokumentiert. Insbesondere vorbeifahrende sowjetische Kriegsschiffe wurden identifiziert. Karten zeigen die Silhouetten der damaligen Marineschiffe des Warschauer Paktes. Wir freuen uns sehr über diese Zuflucht, in der wir nach und nach zwei Segler treffen, Volker aus Wedel und Roland, der mit seinem Trimaran in der Bucht liegt. Garn spinnen, Proviant auspacken und warten, dass der starke Wind sich legt. Mit dem Fernglas schauen wir nach Schiffen und nach Kormoranen, die es hier zahlreich gibt. Die Sonne geht als gelbes Feuer zwischen schweren Wolken unter. Wir bekommen nicht heraus, ob der Leuchtturm von Albuen noch in Betrieb ist, sein Licht können wir nicht sehen – vielleicht weil wir zu nahe dran sind.

Am Morgen des vierten Tages klart es mehr und mehr auf, und als das kleine Postboot sich wieder dem Landungssteg von Albuen nähert, sind wir abfahrbereit.  Einige Kronen Liegegebühr bleiben im Briefkasten am Schuppen der Landungsbrücke des Naturhafens, der uns so willkommenen Schutz bot. Bei Sonnenschein paddeln wir nordwärts durch den lieblichen Fjord von Nakskov mit seinen Inseln. Sind sie noch alle bewohnt und bewirtschaftet, fragen wir Paddler uns beim Passieren eines Landungssteges mit einem kleinen Häuschen, das zwischen Linden, Büschen und hohem Gras fast verschwindet; Menschen sieht man nicht. Allerdings sind die Fahrrinnen zu den Landeplätzen noch ausgebaggert und nutzbar, etwas kreuz und quer laufen sie. Am Nordende des Fjordes paddeln wir zum Auffüllen unserer Wasservorräte in den Hafen von Tars nahe dem Fähranleger der Verbindung Lolland-Langeland, an dessen Einfahrt ein lustig geschnitzter Pfahl steht. An der Sliprampe, dem einzigen Anlandeplatz für uns, gibt es etwas Gedrängel, da einige Dänen gerade ihr großes Motorboot vom Anhänger slippen wollen. Alberta und Großzehe verschwinden daher im Dunkel unter einem Holzsteg, während ihre Besatzungen sich mit den Flaschen auf den Weg machen, um Frischwasser zu bunkern. Weiter paddeln wir um die steinige Nordostecke von Lolland und fahren in das Seegebiet des Smålandsfahrwassers ein. Auch hier drehen sich an abgelegenen Küstenstreifen Flügel riesiger Windräder. Weiter draußen wird das Fundament eines Offshore-Windrades demontiert, denn wir sehen den Schlepper, der die Teile langsam zieht. Etwa einen Kilometer vor der Küste liegt die langgestreckte Düneninsel Vensholm mit einem schönen Strand, die wir landeinwärts passieren. Sie ist nicht von Menschen, sondern von Hunderten kreischender Möwen, Kormorane und anderer Seevögel bevölkert, die wir sehen und hören, ohne anzulanden. An einer Stelle ist es so flach, dass die Boote fast auflaufen, so dass wir kurz stoppen, hier ist auch Strömung zu spüren. Etwas später biegen wir in den Hafen von Onsevig. Eine gut gelaunt feiernde dänische Radlergruppe weist uns ein. Wir finden zwei offene hölzerne Shelter in Zeltform, warme Duschen, eine offene Küche, so dass sich das Hafengeld gut auszahlt. In aller Ruhe können wir uns ausbreiten und lassen die letzten nassen Klamotten in der Abendsonne trocknen. Abends kommen noch zwei Däninnen mit dem Auto, die den anderen Shelter nutzen – den teilen sie sich allerdings mit Schwalben, die dort nisten und ein und aus fliegen.

Am fünften Tag scheint morgens die Sonne und es weht ein leichter Westwind, so dass Großzehe erstmals das dreieckige Pacific Action Segel setzt und ein Wettsegeln mit Alberta beginnt. Etwas später trübt es ein und wir queren zur kleinen Insel Ragö, an deren Landungssteg eine halb versenkte zerfallende Schute aus Ferrozement liegt und den Brückenkopf bildet. Ein Trecker, sein Fahrer, ein Junge und ein Hund sind dort zu sehen, scheinbar die einzigen Bewohner dieser sonst verlassenen Insel. Nah an der Betonwand der alten Schute findet sich Schutz vor dem Regen, der nun niederprasselt. Nach kurzem Aufenthalt halten wir, immer noch im Regengrau, Kurs auf die Insel Fejö, wo wir an einem steinigen Strand kurz anlanden. Bei kabbeligem Wasser, Regen und Wind fahren wir weiter Richtung Bandholm; ein Anlaufen der Insel Femö kommt bei dem Wetter nicht in Frage. Dazu kommt uns draußen im ungemütlich vom Wind aufgewühlten Ragösund ein Küstenfrachter entgegen, der sich an die schmale tiefe Fahrrinne halten muss, wie die Seekarte zeigt – ein wasserfester verkleinerter Ausdruck derselben ist auf Großzehes Deck unter die Spanngummis geklemmt. Trotzdem ist der Kurs des Schiffes nicht eindeutig, es wechselt mehrfach etwas die Richtung, kommt dabei aber direkt auf uns zu – das bedeutet Stress, denn wir dürfen ihm ja auf keinen Fall in die Quere kommen. Die Boote tanzen auf den Wellen und es gilt Alberta zu stabilisieren, denn ihr Segel muss gerefft werden, während wir uns dicht an einer Fahrwassertonne halten, die der Frachter ja wohl nicht überlaufen wird. Er passiert nah an uns vorbei und ändert dann nochmals seinen Kurs. Erleichtert halten wir auf die kleine Waldinsel Lindholm zu, wo Albertas Bordsonnenbrille ohne erkennbaren Grund über Bord hüpft. Bald darauf finden wir den Naturzeltplatz von Reersnäs, wo wir die Boote an Land ziehen und an Ästen anbinden – das sollte man tun, denn der Wasserstand ändert sich hier deutlich! Das Lettmann Kajak lag abends auf Stein und Tang und morgens trieb es fast frei im Wasser. Eine Rostocker Familie auf Radtour, mit der wir „schnacken“, nutzt den hölzernen Shelter des Zeltplatzes und eine Gruppe von Pfadfindern die weiter hinten liegenden Hütten und Feuerstellen, während wir unsere Zelte nahe am Wasser aufschlagen. Da inzwischen die Abendsonne wieder scheint, macht sich Großzehes Besatzung auf der Suche nach einem Gemüsestand zu Fuß auf in die Prairie von Lolland. Kornfelder wogen links und rechts des Weges, Grillen zirpen monoton, in der Ferne ragt der riesige, breite graue Kornsilo von Bandholm in die Höhe. Kornspeicher sind anscheinend die Kathedralen der Orte auf Lolland. Eine scheue schwarze Katze verschwindet 500 m entfernt von der schmalen geraden Straße ins Korn, ein einsamer Mann mit Hund geht stur und stumm längs des Weges vorüber, und hinter einem Haus am Weg dröhnt aus dem Garten Rockmusik, zu der dicker Qualm brennender alter Holzreste und Gartenmöbel in den Abendhimmel aufsteigt. Rauchzeichen der Prairie? Gemüse ist aber nicht zu finden. Die Nacht bleibt ruhig.

Der sechste Tag beginnt mit bestem Segelwetter und Rückenwind. Unter Nutzung unserer Hilfsbesegelung nehmen wir zunächst  Kurs auf den riesenhaften Silo von Bandholm, einem ehemals wichtigen Verladehafen für Getreide. Bald schon ändern wir unseren Kurs auf Nordost und queren weiter draußen in flotter Fahrt vor dem Wind laufend neben einigen Buchten auch die Ausfahrt des Saksköbing Fjordes. Bei Vestermark passieren wir eine Vogelinsel, an deren vorgelagerten flachen Stellen sich bei dem kräftigen Wind eine zunehmend unangenehme Welle aufbaut, in der unsere kleinen Boote mächtig arbeiten. Doch wir kommen ohne Havarie durch. Nach immer noch enorm schneller Dauerfahrt unter unserer Besegelung nähern wir uns der nördlichen Öffnung des Guldborgsundes, die wir auf nordöstlichem Kurs flott überqueren. Nach knapp einer Woche ‚Seereise‘ verlassen wir jetzt die Gewässer der Insel Lolland, welche uns wie ein kleiner Kontinent erschien. Vorbei an einigen Segeljachten, die sich an das ausgetonnte Guldborgsund-Fahrwasser halten, queren wir zur bewaldeten Nordostecke von Falster, unserer nächsten Insel, und legen in der sandig-flachen Lagune eines einsamen Strandes mit Schilf an. Der Blick zurück zeigt eine schnell aufziehende mächtige Gewitterfront, während unsere Boote noch nass in der Sonne glänzen. Am Strand liegen tote Vögel verstreut und eine fette Schlange kriecht durch das Gras…. Angesichts dieser bedrohlichen Vorboten suchen wir rasch den Schutz des nahen Waldrandes auf. Unter dem Blätterdach im Regenumhang kauernd lassen wir Gewitter und Schauer durchziehen, froh darüber, jetzt nicht in den Schaumkronen des von Böen gepeitschten Wassers kämpfen zu müssen. Als wir uns am frühen Nachmittag zur Weiterfahrt rüsten, ist der Himmel längst wieder klar. Doch der kräftige achterliche Wind bleibt beständig und bringt uns bald vor die nordwestliche Öffnung des Storströms, welcher Seeland von Falster trennt. So will und will die Fahrt dieses Tages nicht enden. Wir fahren südlich von Vordingborg durch die 1937 erbaute, 3200 m lange, etwas altertümlich anmutende Storströmsbroen in den Sund, die mit ihren drei Bögen als kombinierte Eisenbahn-Straßenbrücke damals zu den längsten Brücken Europas zählte. Wenig später passieren wir die neuere, hohe Brücke der Europastraße 47. Weiter in südwestlicher Richtung in den Grönsund hineinfahrend, zeichnet sich an Steuerbord der große Silo der Stadt Stubbeköbing neben der Silhouette ihrer vergleichsweise kleinen Kirche ab. Von diesem Ort fährt die historische Fähre „Ida“ über den Sund hinüber nach Bogö.

Längst neigt sich der Tag und am Abendhimmel künden erste Wolken eine Wetteränderung an. Dringend Zeit, eine Bleibe für die Nacht zu finden. Entlang eines aufgeschütteten langen Dammes zwischen den Inseln Bogö und Mön am Nordufer des Grönsunds paddelnd halten wir nebenbei Ausschau nach einer Durchfahrt, die für uns auf der Rückreise von Norden kommend von Bedeutung sein wird. Nachdem wir diese passiert haben, laufen wir in den nach Norden abzweigenden kleinen Fanefjord ein, der sich an Backbord von uns öffnet, vorbei an dem von Kormoranen dicht bevölkerten und wegen des Guanos völlig kahlen Eilands Malurtholm. Dessen würziger Fischgeruch bleibt hinter uns zurück, als uns am Ende dieses kleinen Fjordes der weiße Turm einer Kirche mit seinem markantem Treppengiebel von der Abendsonne beschienen entgegen leuchtet. Die Fanefjordkirche mit ihren mit biblischen Motiven bemalten historischen Deckengewölben wird sich als eine fast unerreichbare Schönheit erweisen. In ihrer Nähe suchen wir nach einem Übernachtungsplatz, der sich entsprechend einer Tourenbeschreibung der Zeitschrift „Kanusport“ hier befinden soll. Doch die stillen Buchten weisen nur kaum passierbare sumpfige Ufer und Schilfdickichte ohne jegliche Anlandemöglichkeit auf. Die Robustrinder auf den eingezäunten Weiden schenken uns keinerlei Beachtung. Wo sollen wir nur anlanden? Schon legt sich die Dämmerung auf uns, als wir uns dazu entscheiden, die Boote in einer Schneise des Schilfgürtels mit dahinter liegender Sumpfwiese ans Ufer zu ziehen. Methangeruch steigt aus dem Morast auf und jeder Fußabdruck hinterlässt eine wässerige kleine Grube; dies wäre kein Platz zum Zelten. Gemäß einem Hinweis in der oben genannten Tourenbeschreibung erklimmen wir müde die Böschung der Landstraße und nähern uns der Kirche. An einer Weggabelung findet sich ein kleiner selbstgebastelter hölzerner Wegweiser zu einer Unterkunft, die sich einige hundert Meter entfernt im rückwärtigen Garten von Pjeber’s Haus befindet. Im Halbdunkel erkennt man eine kleine Holzhütte, phantasievoll dekoriert, einen alten Wohnwagen, Bänke und den Bug eines Grönlandkajaks, der aus einer Scheune herausragt. Selbstgemalte Schilder weisen darauf hin, dass müde Radfahrer hier Unterkunft finden können. Eine Blechdose im Wohnwagen, in dem batteriebetriebene Glühlämpchen funzeliges Licht spenden, dient als Kasse, daneben liegt das Gästebuch. Die Hütte ist frei. Froh über diesen Unterschlupf lassen wir die Boote für die Nacht im Schilf zurück, schleppen die Packsäcke zu Pjeber’s Garten und richten uns bei Taschenlampenschein auf den schmalen hölzernen Liegen der kleinen Gartenhütte ein. Nun darf es regnen, und das wird es auch.

Zunächst scheint aber noch die Morgensonne des siebten Tages durch das kleine Fenster der Gartenhütte auf ein kleines Mobile. Pjeber hat seine Hüttenwirtschaft phantasievoll gestaltet, ein Moped-Außenspiegel am Waschbecken im Garten, ein Schild „Gangsti. Faerdsel med ladte jagtgevaerer og lösgaende hunde forbudt“ , eine Holzpalette als Tisch auf einer großen Astgabel und ein ausgesägter hölzerner Drachenkopf am Toilettenhäuschen sowie weitere Ausschmückungen zieren seinen Garten. Wir verabschieden uns, als es eintrübt und der Regen aus grauen Wolken herabrauscht. So begeben wir uns in die leere Fanefjordkirche und freuen uns über die trockene Zuflucht, bewundern die alten Fresken, die Deckengewölbe und Wände zieren, und schreiben Fahrtenbuch. Später besichtigt eine Gruppe Radfahrer in Regenzeug die Kirche. Als es etwas aufhellt, stapfen wir wieder in den Schilfsumpf, ziehen die Boote in den Fjord und verlassen diesen, um nach links in den Grönsund in Richtung offene Ostsee abzubiegen. Böiger Wind treibt von rechts vorne eine Regenbank nach der anderen heran, die kurze harte Welle schräg von vorne erschwert das Auslaufen aus dem Sund, so dass wir nur mühsam und langsam vorwärts kommen. Bei dem aufgegebenen Flintsteinwerk „Danflint“ wird es dann so kabbelig, dass die Wellen Großzehe immer wieder in die Brandung zu schieben drohen. Meter um Meter kämpfen wir uns in Regenschauern um die Südspitze von Mön herum; nun kommen Wind und Welle von der Seite. Am Mittag klart es wieder auf, und vor uns dehnt sich die weite Bucht der Südostküste von Mön mit Strand und Steilküste, in die beeindruckende Brandungswellen in endlosen weißen Streifen hineinlaufen. Wind und Welle stehen ungehindert auf die Küste und der Wirkweg des Windes (Fetch) reicht hier bis zum Darß, nach Rügen oder Bornholm. Einen Versuch Großzehe zu segeln scheitert, denn der Wind ist zu stark, aber Alberta hat das kleine Segel gesetzt. Mittags ziehen wir zu einer kleinen Pause die Boote ans Ufer und sitzen auf den Steinen, als uns zwei Dänen fragen, ob uns die Wellen etwas ausmachen – sie hätten schon einige Paddler aufgeben und ihre Kajaks den Strand entlang ziehen sehen. Bislang begegneten uns hier noch keine Paddler und auch am Strand sind nur vereinzelt Spaziergänger unterwegs. Das Ablegen in die Brandung wird in der Tat schwierig.

Der nächste Hafen am östlichen Ende der großen Hjelm Bugt ist Klintholm und auf dem Weg dorthin werden die Wellen immer länger und höher, richtige Berg- und Talfahrten auf graugrünen Hügeln sind es. Anfangs kann man noch gegen die Wellen ansingen, aber dann wird es ein schwieriger stummer Kampf. Anfangs noch vereinzelt brechende seitliche Kämme werden zur Regel und überspülen die Boote immer häufiger, manchmal klatscht das Wasser bis zum Kragen hoch oder von oben hinein und es ist gut, isolierendes Aquashell angezogen zu haben. In regelmäßigen Abständen müssen wir zwischen in Höhe der Wasseroberfläche (vom Eis ?) abgetrennten Pfählen alter Stellnetze hindurch fahren, deren Köpfe unvermutet in den Tälern zwischen mächtigen Wellenbergen auftauchen. Nur nicht auf ein solches Hindernis auflaufen, das gäbe Bruch und Verletzungen! Kormorane und einzelne Enten begegnen uns zwischen den Wellenkämmen, blicken uns kurz mit blanken Äuglein an und tauchen dann schnell weg oder flattern plump davon – das können wir nicht, sondern müssen uns in diesem Tanz halten. Immer wieder dreht Großzehes Bug gegen die brechenden Wellen an, um nicht von der Seite erwischt zu werden und zu kentern. Alberta gelingt dies wiederholt leider nicht schnell genug und der brechende Wellenberg verpasst dem Boot dann eine volle Breitseite und bricht sich mit weiß schäumenden Wasser über ihr. Seltsamerweise kentert Alberta nicht durch, sondern bleibt vermutlich wegen der in der Bilge verkeilten Konservendosen und Wasserflaschen aufrecht. Der Hafen von Klintholm rückt endlich näher. Mächtig rollen die Wellen gegen die Außenmole und die Gischt fliegt hinüber. Für uns gilt es, hier ja nicht zu kentern und auf die Steine gedrückt zu werden. Alles geht gut und wir gleiten durch das plötzlich ruhige Wasser der Hafenbecken mit vielen Segeljachten, die bei diesen Bedingungen nicht weiter können oder wollen und eine Wetterbesserung abwarten. Klintholm ist das Sprungbrett für die Überfahrt nach Bornholm und wir werden neugierig beäugt, während wir uns zwischen den Reihen großer und teurer Boote den Weg zu einer glitschigen Rampe suchen. Ein Segler begrüßt uns dort mit zwei Flaschen Bier: ‚Hier Jungs, das habt ihr euch verdient!‘ Man hätte uns von der Mole aus beobachtet – wir waren viel zu sehr mit den Wellen beschäftigt, um das zu bemerken. Durchnässt und erschöpft wie wir sind tun das Bier, trockene Kleidung und später eine heiße Dusche gut. Mit den Bootswagen ziehen wir die Kajaks zu einer Zeltwiese mitten am Hafen und bauen dort die Zelte auf – es gibt auch ein lustiges und praktisches rundes Holzgestell, das sich gut zum Sitzen und Trocknen der Klamotten eignet. Als einzige Zeltende werden wir wiederholt noch nach dem ‚Woher und Wohin‘ gefragt, auch mit der Frage, ob wir denn von Kiel bis Klintholm gepaddelt seien.

Morgens um 5 Uhr zieht am achten Tag ein kurzes, aber kräftiges Gewitter durch, Regen prasselt auf die Zeltwand. Im hölzernen Maschinen- und Windenhäuschen von Klintholms Hafen bleibt man trocken; hier blinken auch die Lämpchen der Computeranlage, man könnte sie recht einfach lahm legen. Im Schein der wärmenden Morgensonne lassen wir uns Zeit mit dem Trocknen der Zelte. Der kleine Hafen-Supermarkt stellt für uns die erste Einkaufsmöglichkeit auf unserer bisherigen Reise dar. Einen Ersatz für die im Smålandsfahrwasser verloren gegangene Sonnenbrille der Alberta bietet er zwar nicht, ermöglicht uns aber ein Frühstücken mit Croissants. Als um 12 Uhr das nächste Gewitter durchzieht, sitzen wir in einem Café. Am frühen Nachmittag beginnt dann der landschaftliche Höhepunkt unserer Reise, die Umrundung der bekannten Kreideklippen von Mön, die sich kilometerweit hinziehen. Glücklicherweise weht es nicht mehr so heftig, doch die achterliche Dünung des gestrigen Windes ist für unsrere Kajaks immer noch hoch und zwingt uns zur Achtsamkeit, als wir allmählich Möns Klint runden. Immer neue Zacken, weiß leuchtende Kreideabstürze mit Waldschluchten tauchen auf. Dort, wo es Treppen gibt, sammeln sich Menschen am Strand. Bei Sonne auf der langsam nachlassenden Dünung schaukelnd haben wir die schönste Aussicht. In Bächen stürzt mit Kreide vermischtes Regenwasser die Klippen hinab ins Meer und trübt es. Erst einmal am Grund abgelagert, verleiht es dem gelegentlich sonnenbeschienenen Salzwasser eine kräftige türkisgrüne Farbe – ein Südseegrün.

Nach Umrundung der Klippen zieht das nächste Gewitter auf und wir laufen erst einmal einen halb verwüsteten Shelterplatz an. Das ständige Unterspülen der See hat hier zu Abbrüchen der Steilküste geführt und dabei die Holzhütten zerstört. Über einen steilen Pfad gerät man nach oben in einen Wald, in dem sich unter düsteren Bäumen wenig einladend ein aufgegebener Zeltplatz mit einer Preistafel aus dem Jahr 2012 ausbreitet. Nachdem Regen und Gewitter durchgezogen sind, beschließen wir, entlang der einsamer werdenden Nordküste von Mön westwärts in die Abendsonne zu paddeln. Steilufer, Heide und Wald wechseln sich ab. Manche Bäume am Waldrand sind durch Vogelkot fast abgestorben, und beim Näherkommen lösen sich aus diesen Vogelbäumen ganze Schwärme von Kormoranen, die etwas träge fliegen. Abends legen wir an einem einsamen und steinigen Strand an, der ein kleines waldbestandenes Steilufer säumt. Hier spannt Großzehes Besatzung  die Plane eines Tarps auf und schaufelt im Geröll der stumpf geschliffenen flach-ovalen Steine eine flache Kuhle für die Isomatte zum Schlafen. Ein Mann in Oliv erscheint plötzlich in der Dämmerung.  Es ist kein Ranger, wie befürchtet, der uns vertreiben will, sondern ein „Nachbar“, der uns ein Feuerzeug abkaufen will (und es aus dem Bestand von Albertas Kombüse geschenkt bekommt), um zwei weite Buchten entfernt mit seiner Freundin angelnd die Sommernacht durchzuwachen. Nachts im Halbwachzustand erscheint vor den Augen ein grau-weißes Streifenmuster; es sind helle Baumstämme vor dem dunklen Laub des Waldes an der Kante des Steilufers.

Friedlich, still und warm präsentiert sich der neunte Tag. Morgens leuchten „Sonnenflecken“ am Strand, Stellen, an denen die Morgensonne durch den Wald auf die grauen Steine scheint – hier wird es schon früh warm. Der Esbitkocher erhitzt den obligatorischen Kaffeetopf. Später folgt ausgiebiges Baden. Warum kann das Wetter nicht öfter so sein? Erst am späten Vormittag verlassen wir den einsamen Platz und paddeln westwärts auf die Strände von Ulvshale zu. Ein einzelner Kajakfahrer passiert uns weit entfernt auf Gegenkurs. Nach Ulvshale wird das Wasser sehr seicht, Sandbänke mit vielen Seevögeln ziehen sich weit nordwärts in das Meer hinaus. Albertas Crew wäre hier gern außen um die Naturschutzgebiete herum und nahe Seeland durch den Bögeström gefahren, aber das ist ein zu weiter Umweg, zumal es jetzt wärmer und etwas schwül wird.

Bald müssen wir wegen des zunehmend flachen Wassers aussteigen und treideln. In der Rinne zwischen Mön und der der vorgelagerten kleinen Insel Nyord, die wir umrunden, haben wir das Gefühl, kaum mehr voranzukommen. Durch zähes Paddeln in dem boddenartig sehr flachen Gewässer mühen wir uns bei Gegenwind und Gegenströmung ab. Auf der Uferwiese steht eine Anzahl rotbrauner Bullen – und glotzt schon halb im Wasser stehend zu uns herüber. Also gilt es besser Abstand zu halten von den dänischen Kampfstieren. Halb verborgen im hohen Gras sitzt ein großer Greifvogel, wahrscheinlich ein Fischadler. Am Sandstrand des idyllischen Dorfes Nyord pausieren wir bei schönstem Sommerwetter und bestaunen rotgelbe Häuschen mit liebevoll gepflegten Blumengärten und einer hübschen Kirche. Die Badenden des kleinen schilfgesäumten Strandes zurücklassend queren wir bald darauf den Ulvsund nach Kalvehave auf Seeland, wodurch wir den Weg durch die ausladende Bucht von Möns Hauptort Stege abschneiden. Die Königin-Alexandrine-Brücke zwischen Seeland und Mön mit ihren neun Bögen ist deutlich zu erkennen. Sie ist technisch gesehen eine Bogenbrücke mit aufgeständerter Fahrbahn und einem zentralen Fachwerkbogen. Im Jahre 1943 eröffnet, gilt sie als schönste Brücke Dänemarks. An der grasbewachsenen Mole nahe des ehemaligen Fährhafens legen wir an einem Holzponton an und bauen direkt auf dem Damm Kostervej unsere Zelte auf – die Anlage ist heute Teil eines weitläufigen Campingplatzes. Mit der Anmeldung bei der Rezeption (wir kommen ja von der Wasserseite und damit nicht durch die Schranke), der Abwehr vieler Mücken, dem Waschen der Wäsche im rumpeligen Waschhäuschen und einer Unterhaltung mit einem schwedischen Radler auf dem Weg von Göteborg nach Berlin geht der Tag zuende. Als die Abendsonne sich in orangenem Licht unter dem Brückenbogen abseilt, fallen auch unsere Augen zu.

Unter den hohen Bögen der Alexandrine-Brücke hindurch nehmen wir am Morgen des zehnten Tages in ruhigem Wasser Kurs auf die Insel Bogö. Etwas Blaues treibt auf dem Meer, ein Gasluftballon mit anhängender Karte und Bitte um Nachricht, der innerhalb eines Tages aus Nordfrankreich bis hier geweht ist. Später wird Großzehes Besatzung diese Karte absenden. Auf der gesamten Fahrt fanden wir insgesamt vier Ballons treibend oder am Strand – eine besondere Art der Meeresverzierung oder -verschmutzung. Bei leichtem Rückenwind nähern wir uns mit vollen Segeln dem Damm zwischen Bogö und Mön, den wir ja auf der Hinreise schon von der anderen Seite aus begutachtet hatten. Ein Durchlass ermöglicht es uns, ohne auszusteigen wieder in den Grönsund zu gelangen und diesen hinüber zur Insel Falster zu queren. Im Bereich der östlichen Öffnung des Grönsundes in die Ostsee sehen wir am gegenüberliegenden Mön-Ufer wieder das aufgegebene Flintsteinwerk, das nun im lieblichen Sonnenschein ganz anders wirkt als vor zwei Tagen in Wind und Regen. Auch der rotweiße Leuchtturm auf unserer Seite, der nordöstlichen Ecke von Falster, wird von der Sonne beschienen und bald passieren wir das Kap Hästhuvud (Pferdekopf). Der Wind schläft ein. Alberta behagt das gar nicht, da sie sich bei diesen Bedingungen paddelnd im Vergleich zu anderen Booten nur langsam vorwärts bewegt. In diesem Tempo werden wir heute bestimmt nicht mehr Gedser erreichen. Sind wir doch bestrebt, diese offene und ungeschützte Küste so schnell wie nur möglich hinter uns zu lassen, bevor der nächste stärkere Wind wieder Riesenwellen aufbaut. Doch die See wird glatt und liegt weit wie ein grausilberner Spiegel unter dem nun bedecktem Himmel, durch den es sich träumend, manchmal fast traumschlafend, paddeln lässt. Es wird ganz still, keine Boote oder Schiffe sind in Sicht, nur an der Kimm steigt eine dünne Rauchfahne auf. Wenn nun ein grinsender Ostseedrache mit schuppigem Ringelschwanz aus dem Silbergrau auftauchte, würde das niemanden wundern. An Backbord die offene Ostsee, zeigt der Blick nach Steuerbord stundenlang einsame bewaldete Steilküsten mit allmählich herabrutschenden und hinuntergestürzten Bäumen, es ist die nordöstliche Küste von Falster.

Da schiebt sich am Himmel langsam ein dunkles Ufo heran. Nein, es ist ein kräftiger Strudel dunkler Wolken, und bald darauf setzt auch schon ein kräftiger Regen mit Nordostwind ein, die Stille ist vorbei. Wir setzen Segel, Alberta fühlt sich wieder wohler, und wir fliegen mit zunehmendem Rückenwind bei sich aufbauendem Seegang der Südspitze von Falster, Gedser Odde, entgegen. Großzehe gewinnt etwas Vorsprung, doch dahinter folgt bald das helle Segel von Alberta in den Regenflagen. Die urwüchsigen Steilküsten liegen hinter uns, an den den langen Stränden des sich über viele Kilometer erstreckenden Feriengebietes Marielyst sieht man kaum Menschen. Und auch für den einsamen Wächter auf dem rot-gelben Strandrettungs-Turm sind wir fliegenden Seekajak-Holländer wohl das Ereignis des trüben Nachmittages. Abends umrunden wir die Südspitze der Insel Falster, Gedser Odde, wo Betontrümmer alter Geschützstellungen auf dem Strand liegen. Es wird bereits dunkel, als der Fährhafen von Gedser vor uns liegt. Vom Boot aus ist nicht erkennbar, wo sich der Lagerplatz mit offenen Blockhütten („Sheltern“) befindet. So landen wir nach Intuition an und befinden uns zufällig direkt unterhalb des Lagerplatzes, so dass wir die Boote nur über Damm und nasse Wiese dorthin transportieren müssen. Eine Anzahl von Radlern, die mit der Fähre von Rostock kommend auf dem Berlin-Kopenhagen-Weg unterwegs sind, übernachten ebenfalls in den Sheltern oder zelten hier. Von der Mückenplage einmal abgesehen, ist es eine ruhige Nacht. Dank des Rückenwindes konnten wir an diesem zehnten Tag erneut ein Etmal von über sechzig Kilometern auf dem Wasser zurücklegen. So steht uns für den morgigen Tag nur noch die letzte Etappe zurück zum Ausgangshafen, Nysted, bevor, wenn es denn das Wetter zulässt.

Also legen wir am elften Tag gegen 11 Uhr von Gedser ab und erkennen schon bald weit draussen die Sandbänke von Rödsand wieder, die mit ihren großen Windrädern hell in der Sonne schimmern. Nur einen Tag später werden wir mit dem Auto nach Gedser zurückkehren und das Meer an der Südspitze von Falster von Sturmböen aufgewühlt sehen, die die Gischt fliegen lassen. Doch heute haben wir Glück, folgen der Steilküste, in der Uferschwalben nisten, nordwärts und queren dann über den südlichen Ausgang des Guldborgsundes nach Lolland hinüber, wo wir eine von Seehunden bevölkerte flache Bucht mit vielen großen Steinen kilometerweit umfahren. Dennoch geraten wir in die Nähe von Seehunden. Ein scheinbar noch nicht so erfahrenes Tier versucht wiederholt, auf einen glitschigen Stein zu robben, von dem es immer wieder hinunter rutscht. Damit beschäftigt, bemerkt es die lautlos unter Segeln herangleitende Alberta erst spät. Es zieht sich sogleich ins sichere Wasser zurück, um von dort alsbald den Kajaks neugierig hinterher zu blinzeln. Viele Arten von Seevögeln wie Möwen, Enten und Kormorane, sind um uns herum.  Entlang der Bucht halten wir  ständig Ausschau nach Steinen, um nicht jetzt noch auf Grund zu laufen und die Kajaks zu beschädigen. Während wir uns Nysted nähern, zieht über dem Rödsand das nächste Unwetter auf.  Die Mühlen des Windparks verschwinden hinter einem regengrauen Vorhang, glücklicherweise bekommen wir nur den Rand der Regenfront ab. So laufen wir um viele Eindrücke bereichert wieder die Bucht von Nysted ein, nun mit der pyramidenförmigen grauen Bake an Backbord. Langsam paddeln wir nun bei Sonnenschein in den beschaulichen Hafen hinein. Die Umrundung der drei großen Inseln Lolland, Falster und Mön gelang uns in elf Tagen, in denen das Gras unter den geparkten Autos hoch gewachsen ist. Auspacken, Trocknen der Ausrüstung und Aufladen der Boote folgen; Segler aus Kiel bewundern fachsimpelnd die selbstgebaute Besegelung von Alberta. Wir quartieren uns auf einem gewöhnlichen Campingplatz zwischen lauter Wohnmobilen ein.

An den folgenden zwei Tagen schauen wir uns zu Fuß und per Auto die Umgebung an. Wir schlendern durch das verträumte Nysted mit dem Besuch einer Sammlung von Schiffsbildern und eines Museums im alten Rathaus. Später lassen wir uns in der alten Eisenbahnremise von Gedser von zerfallenden Waggons, Dampf- und Dieselloks und mächtigen Schraubenschlüsseln in längst vergangene Zeiten versetzen. Bei Gedser Odde können wir eine Kegelrobbe beobachten und mit leichter Beklemmung fasziniert die stürmische See bestaunen, dort wo wir mit unseren kleinen Booten noch kurz zuvor paddelten. Auch im mittleren Bereich des Guldborgsundes sind wir noch einen halben Tag paddelnd unterwegs, brechen allerdings ab, als selbst in dem dort unter Landabdeckung stehenden Gewässer der Wind zu stark wird. Und Achtung, aus dem Mittelaltermuseum von Nyköbing/Falster werden Steine mit großen Bliden, Wurfmaschinen, in den Sund geschleudert, was zu respektvollem Abstand nötigt ! Diese letzten Tage sind Ausklang der Inselträumerei, die mit einer windigen Überfahrt mit der Vogelfluglinie endet; die Fähre stampft durch die See und die Gischt hüllt den Bug ein.

Anhang; betrifft Boote und Ausrüstung: Großzehe (Grönländisch = putugoq, mit Erwerb des Gebrauchtbootes übernommener Name) ist ein ca. 25 Jahre altes Lettmann Nordstern GFK-Seekajak mit ausklappbarem Steuer, für diese Fahrt zusätzlich ausgestattet mit einem Pacific Action Segel, dessen Mastfuß auf das Vorschiff aufgeschnallt werden kann. Betr. Sicherheit: Paddelfloat, Pumpe, Leine, Notsignal (Nico-Leuchtmittel), Schwimmweste, Handy wasserdicht verpackt. Dank großen Stauraums lassen sich Campingausrüstung, Wassersack, Bootswagen gut im Inneren des Lettmann Nordstern unterbringen. Seekarten verkleinert auf wasserfestem Papier ausgedruckt, Deckskompass. Aquashell und Regenkleidung haben sich bei dieser dänischen Sommertour bewährt. Alberta war in ihrem früheren Leben ein Robbe 1 – Kajak des Herstellers Willy Neumann aus Raunheim im Raum Frankfurt/Main. Nach mehreren Umbauphasen ist kaum noch etwas original. Der gesamte Rumpf wurde verstärkt. Das Boot erhielt eine völlig andere Steueranlage mit Fußpedalen und einem außen am verkürzten Heck angehängten aufholbaren Ruderblatt. Im vorderen Bereich wurde Alberta verlängert und ihre Nase deutlich angehoben, so dass das Boot nicht mehr so stark in die Wellen einschneidet, sondern trockener drüber hinweg gleitet. Ein Spritsegel an einem kleinen Mast stabilisiert mehr als dass es Vortrieb bringen würde. Zusätzlich hat das Boot ein kleines Steckschwert, so dass die seitliche Abdrift bei Wind im Vergleich zu anderen Kajaks erheblich verringert ist und Alberta insgesamt stabiler im Wasser liegt. Nach den ganzen Umbauten ist der Rumpf natürlich nicht mehr so glatt wie im Original. Dies und die Unterwasseranhänge wirken sich negativ auf die Geschindigkeit aus. Alberta ist nach den Umbauten durchaus seetüchtig, aber nicht mehr ganz so schnell.

 

Brrrr…. ist das noch kalt

Ab etwa Mitte Mai und im Sommer freuen wir uns darüber, endlich ohne Trockenanzug zu paddeln, und die Strände füllen sich mit Badenden. Die graue kalte Jahreszeit ist schnell vergessen. Sie kommt aber wieder, und dann wird das Thema Kälteschutz wieder aktuell.  Auch in der Übergangszeit, so im April,  kann die warme Lufttemperatur an schönen Tagen über die noch kalte Wassertemperatur der Ostsee von 10 Grad (oder weniger) hinweg täuschen. Mittlere Temperaturen der westlichen Ostsee zeigt die Grafik (Quelle: Bundesamt für Seeschiffahrt und Hydrographie; http://www.bsh.de/de /Meeresdaten/Beobachtungen/MURSYS-Umweltreportsystem/Mursys_031/seiten/oswitt01.jsp).

An solch schönen Tagen im April sieht man alle Variationen der Bekleidung auf der Kieler Förde: Manche Ruderer sind schon in T-Shirts und Shorts unterwegs, neben in Trockenanzügen schwitzenden Paddlern und SUP’lern in dicken Neoprenanzügen. Zur Abkühlung werden dann gern die Unterarme ins kalte Wasser getaucht. Bei einer Kenterung in kaltem Wasser kann es ernst werden. In der Vereinszeitschrift des HDK (Paddelblatt 78, 2016) berichtete dazu ein Mitglied über das Erlebnis einer Kenterung mit dem Seekajak im 7°C kalten Wasser der Kieler Förde. Bei Windstärke Stärke 6 Beaufort aus West, bekleidet mit einem zweiteiligen Aquashell-Anzug (entspricht etwa 3 mm Neopren), Surfboots, Paddelregenjacke, halbautomatischer  Rettungsweste (Secumar), geschah dies vor der Spundwand des Kieler Yachtklubs. Nach vergeblichen Versuchen des Wiedereinstiegs und Aufgabe des Bootes gelang es dem Gekenterten nur mit Mühe und fremder Hilfe auf den letzten Metern, das Ufer schwimmend und unterkühlt zu erreichen. Auch auf die Kenterrolle, die unter Übungsbedingungen beherrscht wird, kann man sich im „Ernstfall“ nicht unbedingt verlassen.

Ein Trockenanzug ist für Fahrten auf der Ostsee im Winterhalbjahr sinnvoll, und auch  in der Übergangszeit sollte man noch an Kälteschutz denken, besonders bei Wind und Wellen und bei Alleinfahrten. Die Wärmeleitfähigkeit von Wasser ist etwa 25 mal höher als die von Luft , die wegen ihrer schlechten Wärmeleitung isoliert (daher „Trockenazug“). Das kalte Wasser entzieht die Wärme rasch, wenn es am Körper vorbei strömt und so die Wärme ständig mitnimmt. Das Tragen von Schutzkleidung und das Zusammenkauern beim Treiben im kalten Wasser vermindern die Wärmeverluste. An kalter Luft, also an/auf einem gekenterten Boot, ist man zwar noch besser dran als im Wasser, aber dann droht bei ablandigem Wind das Abtreiben. In der Gruppe sind wir Paddler besser abgesichert als bei Alleinfahrten; das Aufrichten und Entleeren des Bootes und den Wiedereinstieg mit fremder Hilfe kann (und sollte) man im Sommer zusammen üben. Pumpe und Paddelfloat sind dabei nützliche Hilfsmittel.

Ein lesenswerter Artikel zur Problematik der Unterkühlung findet sich in der DKV-Zeitschrift Kanusport, Jahrgang 2009, Heft 11 (zu finden in der Vereinsbibliothek). Wenn man ohne Schutzkleidung in Wasser fällt, das kälter als 15 Grad ist, entsprechen demnach die Minuten der so genannten Nutzzeit etwa der Wassertemperatur (bei 7 Grad Celsius also 7 Minuten). In dieser Nutzzeit kann man noch selbständig handeln, also den Wiedereinstieg ohne fremde Hilfe versuchen; danach ist man auf fremde Hilfe angewiesen. Die Überlebenszeit bei einer Wassertemperatur von 7 Grad beträgt etwa eine Stunde, aber man ist deutlich früher erschöpft und nur sehr eingeschränkt handlungsfähig.  So schön es auf dem Wasser im Winter und in der Übergangszeit sein kann (Foto: Lanker See mit Eisdecke), den Kälteschutz sollte man dabei nicht vergessen.